Heimat vs. Wohnort

Heute ein Beitrag aus der Reihe: Mein Blog muss männlicher werden!

Es gab ja mal eine Zeit, da wäre ich bei diesen Temperaturen ins Stadion direkt neben meinem Gymnasium gepilgert. Das hatte zwar keinen Rasen, aber dafür eine schöne Eisfläche. Es pfiff der Wind und die Zuschauer waren dick eingepackt. Man spielte gegen Mannschaften aus Bad Tölz, Garmisch und Regensburg. Der Stadionsprecher hatte Probleme beim Aussprechen der Spielernamen, da viele aus Kanada kamen und er kein Englisch konnte. Die Kanadier hingegen konnten kein Deutsch, ließen aber die Bande ordentlich krachen. Das gefiel uns. Es tropfte das Tauwasser von der Decke, wenn wir mit dem Schulsport dort unsere Runden drehten. Am Wochenenden, zu den Heimspielen, wurden die Wunderkerzen ausgepackt und allerhand Schmählieder auf den Gegner gesungen. Die Gegner aus dem äußersten Süden Bayerns, v.a. aus Otti Fischers Bullenstadt, wurden pauschal als Österreicher bezeichnet, was als ganz schlimme Beleidigung in Bayern zu gelten hat. Für die meisten Lieder davon bekäme man ganz sicher keinen Grimmepreis und für manche sollte man sich heute schämen, aber das war uns egal.

Irgendwann ist man dann in die höchste deutsche Liga aufgestiegen, spielt seitdem in einer modernen Multifunktionsarena, die nach dem Elektronikmarkt benannt ist, der selbst wie ein Planet heißt. Die Gegner kommen mittlerweile aus Berlin, Köln und Hamburg. Das ganze ist fad, steril und austauschbar geworden. Die Wunderkerzen sind verboten, der Schal dient nicht mehr als Halswärmer, sondern als Statement. Wo man sich früher strecken musste um die Anzeigetafel zu erahnen, hängt heute ein Videowürfel, auf dem Werbung eingeblendet wird. Mit anderen Worten: ich war das letzte Mal zu meiner Zivildienstzeit in einem Eishockeyspiel.

Gut, dass man mittlerweile wieder die Möglichkeit bekommt sich der Witterung auszusetzen und erwachsenen Männern beim Schwitzen zuzusehen. Während man die Schneeflocken auf ihrem Weg auf den grünen Rasen beobachtet, erübrigen sich Schmähungen des Gegners, dieser ist mit sich selbst genug gestraft. In der 90. Minute landet der Ball auch noch im verkehrten Tor. So ein Mist, doch nur Unentschieden zwischen Heimat und Wohnort. Man schiebt die Schuld auf den unglücklichen Torwart oder auf den unfähigen Schiedsrichter. Insgeheim freut man sich über die Emotionen, die man hier ausleben kann: das Fluchen, das Jubeln, das Meckern, das Hüpfen, das Kopfschütteln, das Lachen. Gleichzeitig hofft man, dass nächstes Jahr alles besser wird. Wird es aber nicht, es bleibt wie es ist. Und das ist ja gerade das Schöne!

Advertisements
Tagged with: , , , , , ,
Veröffentlicht in Daheim, Fußball

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Instagram
Mercedes 600 #oldtimer #mercedesclassic #mercedesbenz #stuttgart #benztown #w100 Mercedes 600 #soloparking #stuttgart #benztown #w100 #killesberg #mercedesclassic #daimler #oldtimer #classiscars #instacar #carhunting Die neue Klasse. #bmw02
Themenvielfalt
Geschichtsträchtig

Die neuesten Beiträge per E-Mail abonnieren:

Schließe dich 47 Followern an

%d Bloggern gefällt das: