Ein Reh.

Wohnt man in einer Millionenmetropole, hat man sich mittlerweile daran gewöhnt. An die strikte Trennung von Natur und Stadt. Das grüne und das menschliche Leben. Die Betonwüste, in der die achtspurigen Straßen und die unterirdischen Tunnel als Lebensadern dienen, in der man in riesigen Hühnerkäfigen wohnt, mit hunderten Nachbarn, wo man aber den Araber aus dem dem Nebenappartement noch nie selbst gesehen hat. Dass es ihn gibt, merkt man nur an dem Zigarettenrauch, der durch das offene Fenster hineinweht. Mit etwas Glück kann man an schönen Tagen aus seinem Fenster schauen und, ganz in der Ferne, einen Blick auf die Alpen erhaschen. Wendet man seinen Kopf nach rechts, sieht man ein Gummiboot, in dem am Wochenende regelmäßig, und dieses Jahr wenig erfolgreich, die Blauen und die Roten einem Ball hinterherjagen. Alles ist künstlich, von Menschen für Menschen geschaffen.

Wenn man die Natur erleben möchte, fährt man mit der Bahn raus aus der Stadt, hinein in die Voralpen. Dort steigt man auf Berge oder radelt durch Ortschaften, die aus nichts anderem als einem Kuhstall und einer Marienkapelle zu bestehen scheinen. Man gibt sich naturverbunden, weil man die Plastiktüten, in die man seine Brotzeit eingepackt hat, wieder in den Rucksack stopft anstatt sie einfach in die Landschaft zu schmeißen. Ganz so wie es die zahlreichen Hinweisschilder anmahnen.

Macht man sich wieder auf den Heimweg, fallen einem die Spuren echten Lebens wieder ein, die man in der Großstadt vorfinden kann. Der Schäfer, der mit seiner Herde durch den Englischen Garten zieht, das Kaninchen, das um das Haus hoppelt oder auch nur die Wurzeln der Bäume am Straßenrand, die die sie einengende Betondecke anheben. Das macht zwar das Fahrradfahren zur Qual, zeigt aber dennoch die Kraft der Natur, die sich auch inmitten der Häuserschluchten nicht unterkriegen lässt.

Innerlich hat man sich längst mit dieser Trennung von Natur und Stadt abgefunden, hält sie vielleicht sogar für gut, immerhin gibt sie dem Leben auch etwas Berechenbares. Dann läuft einem jedoch plötzlich, mitten in der Stadt, ein Reh vor die Füße und man bleibt stehen und staunt. Man lächelt vor sich hin, während das Reh in der Ferne verschwindet.

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Veröffentlicht in Leben
2 comments on “Ein Reh.
  1. rebhuhn sagt:

    *!

    [OT: kennste das hier schon ;)?]

  2. andi sagt:

    Schon bekannt.

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